Denkanstoss – Vergessen
Ich hab im Traum geweinet,/Mir träumte, du bliebest mir gut,/Ich wachte auf, und noch immer/Strömt meine Tränenflut.
Du sagst mir heimlich ein leises Wort/Und gibst mir den Strauss von Zypressen/Ich wache auf und der Strauß ist fort/Und das Wort hab ich vergessen.
Heine (1822, Buch der Lieder)
Die freudsche Entdeckung des verdrängenden Vergessens „ ist ein Markstein in der Kulturgeschichte des Vergessens. Mit Freud hat das Vergessen seine Unschuld verloren. Von nun an muss einer, der etwas vergessen hat oder etwas vergessen will, sich rechtfertigen und auf eine – möglicherweise peinliche – Warumfrage gefasst sein, und dies um so mehr, je stärker er selbst überzeugt ist, sein Vergessen sei keiner Rechtfertigung bedürftig, er habe schlicht und einfach vergessen.“(so: Harald Weinrich, Lethe – Kunst und Kritik des Vergessens, München 1997, (S. 171)). Judentum vor allem, aber in seinem Gefolge eben auch christliche Lebenshaltung haben es eher mit dem Gedächtnis oder dem Eingedenken. Besonders erinnern sie ihre „ Verabredung mit Gott(Bund)“: „Um unserer Sünden willen“, so will es eine lange Tradition, haben wir so viel Verfolgungen erlitten. Um deines Namens willen“ mussten wir Pogrome auf uns nehmen. Angesichts von Auschwitz versagen solche Erklärungen. Gott gerät in Erklärungsnotstand. Erweise dich unserem Leiden würdig, sagt der Rabbi in dem Text „Rabbi Rakowers Gespräch mit Gott“.
Ähnlich sagt Elie Wiesel: „Niemals werde ich diese Nacht vergessen, die erste Nacht im Lager, niemals den Rauch, niemals die Flammen, niemals das nächtliche Schweigen, die Augenblicke, die meinen Gott und meine Seele gemordet haben, niemals werde ich das alles vergessen und sollte ich so lange leben wie Gott.“ Das können und dürfen wir nicht vergessen
Aber vielleicht ist es Zeit, auch etwas Positives zum Vergessen zu erinnern:„Bei dem kleinsten aber und bei dem größten Glücke ist es immer eins, wodurch Glück zum Glücke wird: das Vergessenkönnen oder, gelehrter ausgedrückt, das Vermögen, während seiner Dauer unhistorisch zu empfinden. Wer sich nicht auf der Schwelle des Augenblicks, alle Vergangenheit vergessend, niederlassen kann, wer nicht auf einem Punkte wie eine Siegesgöttin ohne Schwindel und Furcht zu stehen vermag, der wird nie wissen, was Glück ist, und noch schlimmer: er wird nie etwas tun, was andere glücklich macht. Denkt euch das äußerste Beispiel, einen Menschen, der die Kraft zu vergessen gar nicht hat, der verurteilt wäre, überall ein Werden zu sehen: ein solcher glaubt nicht mehr an das eigene Sein, glaubt nicht mehr an sich, sieht alles in bewegte Punkte auseinander fließen und verliert sich in diesem Strome des Werdens: er wird wie der rechte Schüler Heraklits zuletzt kaum mehr wagen, den Finger zu heben. Zu allem Handeln gehört vergessen…“.(Friedrich Nietzsche) Schön, nicht?
Wolfgang Teichert







