Denkanstoss – Atmen
Wir, die Angeatmeten noch/heute noch Angeatmeten, zählen/diese, der Erde, langsame Atmung, deren Eile wir sind. (R.M. Rilke)
Es geht immer wieder um den Atem. Während Sie dies lesen, holen sie etwa 900 mal Atem. Ganz unbewußt hebt und senkt sich der Brustkorb. Freuen wir uns oder haben wir Ärger werden wir etwas schneller und flacher in den oberen Brustkorb atmen, fühlen wir uns jedoch getröstet oder beruhigt, dann werden wir tief und ruhig atmen hinunter in den unteren Bauchraum. Atem ist der Rhythmus, der uns durch das Leben trägt. Mit dem Atem ist unsere Lebensdynamik in Gang gesetzt, der Elan vital.
Es ist der Atem, der Lebewesen ermöglicht sich akustisch bemerkbar zu machen. Das Kind schreit, oder brabbelt und juchzt, der Vogel zwitschert, der Wal singt und wir können sprechen, schreien, jauchzen, weinen, lallen, schluchzen, rufen, jammern und pfeifen und singen mit dieser Luftsäule, die sich vom Zwerchfell her aufbaut, die unseren Körper zum Resonanzkörper werden lässt und die unsere Stimme weit tragen lässt oder sich zum Trompetenton formen lässt.
Und zugleich wohnen im Atem alles Bedeutungen und Assoziationen, die mit der Vorstellung von Freisein und Befreiung zusammenhängen: leicht werden zum Beispiel, weit werden, sich öffnen. Am besten nachvollziehbar wird dieses Phänomen des Atems, wenn wir erleben, dass uns der Atem verweigert wird: Keinen Atem haben, um Atem ringen, das ist ein Gefühl das keiner vergisst, der es überlebt hat. Verrückteste Beobachtung: Der Schweizer Astrophysiker Arnold Benz (geb. 1945) über die zeitlichen Verbindungen unseres Atems: „Nach dem Ausatmen durchmischen sich die Moleküle aus meiner Lunge mit jenen der Außenluft. Messungen nach Atombombenexplosionen und Reaktorunfällen haben eindrücklich und alarmierend demonstriert, wie von einem einzigen Ort der Erde aus einzelne Atome mit der Zeit in den hintersten Winkel jeden Hauses gelangen. Genau gleich werden die ausgeatmeten Moleküle innerhalb weniger Jahre durch Winde über die ganze Erde verteilt… Im selben Atemzug atme ich solche ein, die dabei waren, als Diogenes sich vom König wünschte: »Geh mir aus der Sonne!«, oder von jenen, die Jesus aushauchte in seinem letzten Wort: »Es ist vollbracht!«
Wolfgang Teichert







